Häusergeschichten

Häusergeschichten

10.01.2020

Tanja Riedel erläuterte zunächst die Entstehung der jüdischen Gemeinde Ottensoos. Der Ursprung der jüdischen Gemeinden waren die Städte. Als man sie dort vertrieb-was immer wieder geschah-suchten sie in anderen Bereichen. Nach 1500 bildeten sich unter dem Schutz der Ganerben vom Rothenberg die vier jüdischen Gemeinden: Forth, Hüttenbach, Schnaittach und Ottensoos. Die Ganerben gewährten den Juden, gegen Steuern und Abgaben Schutz und Schirm.

Die erste Erwähnung eines Juden in Ottensoos namens Amsel Jud ist auf das Jahr 1519 datiert. Seitdem ist die Zahl beständig angestiegen und bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein lag der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung in Ottensoos bei ca. 30 %. In das Leben der Dorfgemeinde waren die jüdischen Ottensooser gut integriert. In allen Angelegenheiten der Gemeinde und der gemeinsamen Rechte der Dorfbewohner an den Gemeindegründen waren die Juden den christlichen Ottensoosern gleichgestellt.  Als diese im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts verteilt wurden, erhielten auch die jüdischen Familien Grundbesitz im Ort.  Die wichtigste Rechtssetzung für die Juden war das Judenedikt, dass die jüdische Bevölkerung erfasste. Es sollte einerseits die Zahl der Juden eingrenzen und verhindern, dass sie sich in andere Orte ausbreiteten. Andererseits sollten die Juden aus dem Hausierhandel gedrängt und in Bereiche wie Handwerk und Landwirtschaft gebracht werden. Die Ottensooser Judenmatrikel listet 26 Matrikelstellen auf. Mehr Juden durften keinen eigenen Hausstand gründen. Entweder mussten junge Menschen, die heirateten wollten und keinen freien Matrikelplatz fanden, bei den Eltern leben, fortziehen oder gar auswandern. Sie mussten auch feste Nachnamen annehmen, die sie in Bayern selbst wählen durften. Viele Ottensooser wählten einen klassischen Herkunftsnamen wie Prager, Hessdörfer oder Mannheimer.

Ab 1860 verlor die jüdische Gemeinde Ottensoos stetig an Substanz. Die Matrikelgesetzgebung wurde 1861 aufgehoben, sodass viele in die Städte gezogen sind. Nürnberg, Fürth und Bamberg waren begehrte Städte. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer ersten starken Auswanderungswelle.  In Ottensoos war jüdisches Gemeindeleben weiter möglich. Für die Besorgung der religiösen Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorsänger und Schächter tätig war. Um 1925 zählten zur jüdischen Gemeinde noch 40 Personen in etwa zehn Haushaltungen.  Vorsteher der Gemeinde waren Philipp Sommerich und Max Heßdörfer. Als Religionslehrer, Kantor und Schochet wirkte Alexander Gutmann.  Es gab noch drei Vereine: die Wohltätigkeitseinrichtung, den israelitischen Frauenverein  sowie den Sozial- und Bestattungsverein. 

     
Unabhängig von der Shoah hätte die jüdische Gemeinde Ottensoos keine Zukunftsperspektive besessen, denn sie bestand nur noch aus älteren Menschen und wurde wesentlich durch Zuschüsse der Nürnberger Kultusgemeinde finanziert. Die jüngeren Juden waren meist gleich emigriert. In der dunklen Zeit von 1933 bis 1945 vertrieb man die verbliebenen jüdischen Ottensooser. Über 400 Jahre Geschichte waren ausgelöscht.

Jüdische Bürger waren Gemeinderäte und Vorstandsmitglieder in Vereinen

Die jüdischen Anwesen konzentrierten sich um den Dorfplatz, der Hans-Pirner-Straße, der Hirschengasse und der Bahnhofstrasse. Sie befanden sich in zentraler Lage, dessen Zentrum die Kirchenburg St. Veit bildete. Insgesamt sind es 19 Anwesen, wo gesichert ist, dass es sich um jüdische Anwesen handelt. Die Familie Spaeth gehörte zu den ältesten jüdischen Familien am Ort. Sie lebte am Ortseingang von Ottensoos und zwei große Zweige der Familie sorgten für eine breite Basis. Späths waren im Handel tätig. Der 1873 in Ottensoos geborene Sohn, der Kaufmann Jakob Späth, lebte am Ortseingang lebte,  wurde 1919 bis 1925 in den Gemeinderat gewählt. Er war erfolgreich im Hopfen-, Vieh- und Güterhändler tätig. Jakob Späth wurde in der Pogromnacht am 10. November 1938 in Nürnberg ermordet und wurde am israelitischen Friedhof in Nürnberg begraben. Von den Spaeths blieb niemand in Ottensoos, sie hatten den Ort bereits 1934 verlassen, einigen ist es auch gelungen zu emigrieren.  Durch die engen Verwandtschaftsverhältnisse mit anderen jüdischen Familien blieben sie dem Ort jedoch verbunden. Sie waren verwandt und verschwägert mit den Lamms, den Welschs, den Hessdörfers und den Rebitzers.

Die Familie Rebitzer, die ebenfalls zu den ältesten und angesehensten jüdischen Familien im Ort gehörte, lebte im Gebäudes des heutigen Rathauses und dem benachbarten Anwesen.  Im Rathausgebäude befand sich ursprünglich das Schlachthaus des jüdischen Metzgers. Später war das Schlachthaus die Scheune, wo sich heute der Bürgerbegegnungsraum und oben der Sitzungssaal der Gemeinde befindet. Die Rebitzers hatten Ottensoos schon vor 1938 verlassen und waren überwiegend nach Nürnberg oder Weiden verzogen. Mehrere Vertreter der Familie waren im Lauf der Zeit im Vorstand der Feuerwehr tätig. So war Niem Rebitzer als Kassier und sein Bruder Theodor Vorstandsmitglied. Niem Rebitzer wurde 1894, 1906 und 1912 in den Gemeinderat gewählt.

Die Familie Prager zählt ebenfalls zu den älteren und weit verzweigten Familien. Im sogenannte „Brachershaus“, das nicht mehr existiert,  wohnte zuletzt Martin Prager und seine zwei Schwestern Cäcilie und Helene. Sie zogen 1939 nach Nürnberg und mussten ihre Wertgegenstände abliefern. Pragers waren Hopfen und Viehhändler. Die Schwestern Cäcilie und Helene betrieben einen Kurzwarenhandel.

Die weiteren Nachkommen der anderen Prager-Zweige, waren zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr in Ottensoos. Hermann Prager, war um 1890 Vorstand der Feuerwehr, sein entfernter Verwandter Niem Rebitzer übte die Funktion des Kassiers aus. 

Erfolgreiche Geschäftsleute

Einige Ottensooser Juden hatten ein besseres Auskommen im Hopfenhandel gesehen. Louis Rebitzer, Jakob Späth und Martin Prager arbeiteten eng im Hopfenhandel zusammen. Als Firma Rebitzer & Späth hatten Louis Rebitzer und Jakob Späth ihre Zentrale nach Nürnberg verlagert. Louis Rebitzer war ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann.  Die Juden aus Ottensoos hatten über ihre Verwandten in Nürnberg direkt Kontakt zum Hopfenmarkt. Da viele der Ottensooser Juden als Händler oder kleine Handwerker tätig waren, spielte der Ort für die Dörfer der Umgebung als Handelszentrum eine wichtige Rolle. Als Kaufleute, die ihr Geschäft „reell und tüchtig“ betreiben wurden Louis Rebitzer, Jakob Späth und Martin Prager vom Bürgermeister beschrieben. Nur wenige Jahre später wurden sie als unehrlich und faul herabgewürdigt.  

In der Hirschengasse befand sich auch das Hafnerhaus von Veit Koppel, ein Hafner, der Töpfe und Schüsseln fertigte, die in vielen jüdischen, aber auch deutschen Haushalten verwendet wurden. Veit Koppel zog übers Land und verkaufte seine Erzeugnisse. In Hersbruck kam er mit dem Ochsenwirt in Streit und Veit Koppel wurde auf offener Straße erstochen. Im Dorfgespräch hiess es „alles Unglück sei über das Koppelshaus gekommen“.  Veit Koppel wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Schnaittach beerdigt. In der Leichenrede zog der Oberrabiner Neckarsulmer den Vergleich zwischen Mensch und Ochsen,: „was ist der Mensch, der Mensch ist nichts, der Mensch ist gar nichts, wenn er stirbt, grabt man ihn ein. Was ist dagegen der Ochse? Von dem kann man gebrauchen das Fleisch, die Haut und die Baa.“ 

Sinn für Gemeinschaft  

Die jüdischen Bürger wurden von Zeitzeugen als große Wohltäter beschrieben, die kinderreiche Familien unterstützt haben. Bei den viehaltenden Juden ist für die kleine Leute immer etwas abgefallen, Buttermilch gabs immer; auch beim Judenmetzger kamen Familien nie zu kurz, auch Matzen gab es für Kinder christlicher Familien.

Der alljährliche Feuerwehrball war in Ottensoos ein großes Ereignis. Die jüdischen Bürger waren sehr gut vertreten, auch bei dem 1000-jährigen (1903) Ortsjubiläum sowie den Feiern des MGV und des Kriegervereins. Auch jüdische Feste wurden groß gefeiert. Laubhüttenfest (im Herbst), Purimfest und Pessachfest ( auch Passa, Passah oder Pascha genannt) gehörten zu den wichtigsten Festen des Judentums. Bei diesen Festen durften am langen Tag auch die Christen in mit in die Synagoge, es sei ein friedliches Miteinander gewesen.

Die jüdischen Ottensooser galten als anerkannte Mitglieder der Gemeinschaft, sie waren Gemeinderäte und wurden als Vereinsvorstände gewählt. Christen und Juden lebten Tür an Tür miteinander. Einige jüdische Familien waren wohlhabend, andere kamen gerade so aus. Christen und Juden lebten Tür an Tür miteinander.

Anwesen der Fam. Rebitzer

Dorfplatz/Hans-Pirner-Str.

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